Unterschiedlich lange Beine – Beinlängendifferenz


Unterschiedlich lange Beine, also eine sog. Beinlängendifferenz ist häufig und kann erworben oder angeboren sein. Zur Behandlung gibt es jedoch keine Leitlinien. Lediglich für kindliche Beinlängendifferenzen existieren Empfehlungen seitens der POSNA (Pediatric Orthopaedic Society of North America).



Im Alltag wird ein Beckenschiefstand häufig als eine Beinlängendifferenz von unter 2cm interpretiert. Ein auffälliges Gangbild mit Verkürzungshinken kann schon ab einer Beinverkürzung vom 1cm auftreten. Mitunter können die Beine jedoch gleich lang sein und der Beckenschiefstand durch eine Beckenverwringung hervorgerufen werden, also durch eine Verdrehung der beiden Beckenhälften zueinander. Hier spricht man von einer funktionellen Beinlängendifferenz. Ein einfacher Schuhausgleich ist in einem solchen Fall primär nicht zielführend.

Die Ursache anatomischer Beinlängendifferenzen kann erworben oder angeboren sein. Eine Beinverkürzung kann primär durch traumatischen Knochenverlust oder sekundär durch traumatische oder infektiöse Wachstumsfugenverletzungen im Wachstumsalter auftreten; bei den angeborenen wächst das betroffene Bein kontinuierlich langsamer.

Die Beinlängendifferenz wird als Ursache verschiedenster Langzeitschäden für die Wirbelsäule (Fehlwachstum, Skoliose), die Hüftgelenke (Hüftdysplasie) und die Kniegelenke (Arthrose) sowie zu schmerzhaften Asymmetrien von Muskelketten gesehen.

Klinisch kann eine Beinlängendifferenz mit einer Genauigkeit von ± 1 cm bestimmt werden. Durch definierte Brettchenhöhen wird die Verkürzung bis zum Beckengeradstand ausgeglichen. Radiografisch erfolgt die Beinlängenmessung in der Röntgen-Ganzbeinstandaufnahme.

Im Allgemeinen wird ab einer strukturellen Verkürzung von 2cm therapiert:

0–1 cm: keine Therapie

1–2 cm: konservativ auf 1 cm reduzieren

2–4 cm: konservativ, Verkürzungsosteotomie, Epiphysiodese, Verlängerung

4–5 cm: konservativ, Epiphysiodese, Verlängerung

> 5 cm: konservativ, Verlängerung mehrstufig

In unserem Alltag erfolgt die Indikation zum Beinlängenausgleich stets individuell; zuvor schließen wir alle funktionellen Störungen aus. Dies erreicht man häufig durch eine vorangeschaltete Mobilisation des Beckens/ISG/Wirbelsäule/Hüftgelenke mittels Chirotherapie/Manueller Therapie/Physiotherapie. Anschließend nutzen wir eine 3 dimensionale Wirbelsäulenvermessung zur Diagnostik der Auswirkung auf die Wirbelsäule beim Gehen. Besonders im Erwachsenenalter ist eine differenzierte Diagnostik aus unserer Sicht obligat. Dieses Vorgehen entspricht einer aktuellen Empfehlung aus dem deutschen Ärzteblatt.

Vogt B, Gosheger G, Wirth T, Horn J, Rödl R: Leg length discrepancy—treatment indications and strategies. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 405–11. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0405


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Dr. Beck München